Das Nahverkehrsnetz in Stuttgart (BVG vs. VVS)
by Tafelzwerk
Es war das erste Wochenende, an dem ich mit der ehrenwerten Deutschen Bahn von Stuttgart nach Berlin gefahren bin, und anschließen wieder den Rückweg bestritten habe. Wie nicht anders zu erwarten, war die Routenplanung ohne Ausnahme fantastisch und bis ins kleinste Detail durchdacht. Es fing schon damit an, dass ich zwei Mal von Stuttgart nach Berlin umsteigen durfte. Zuerst nahm ich den Regionalzug nach Würzburg, dann den ICE nach Hamburg, und ab Göttingen steig ich in den ICE nach Berlin, nur um festzustellen, dass eben dieser Intercity Express in Stuttgart startete! Hätte mir die DB einfach den Tipp geben können, eine Stunde später in Stuttgart zu starten und gleich diesen ICE zu nehmen. Aber ich kann natürlich einfach den umständlichen Weg nehmen. Macht ja auch Spaß und ich habe sonst nicht zu tun. Worauf ich mich jedoch verlassen kann, ist das Nahverkehrsnetz in Berlin. Ich komme Berlin Ostbahnhof an, pendelt mir auch schon locker flockig gegen 0:45 eine S3 entgegen, die zu dieser Zeit wie selbstverständlich im 10-Minuten-Takt fuhr – wenn auch nur im 20-Minuten-Takt die volle Strecke. In Köpenick angekommen, fährt auch sofort der Nachtbus vor und alle sind glücklich.
Die Rücktour nach Stuttgart habe ich diesmal mit nur einem Mal umsteigen hinter mich bringen können. Und zwar in Frankfurt; auch in so einem blöden Sackbahnhof. Da lobe ich mir den Berliner Hauptbahnhof. Als ich dann aber gegen 02:45 in Stuttgart angekommen bin, entgegnete mir der wahre Großstadtalbtraum: Der Hauptbahnhof war klinisch tot. Es fuhren weder S-Bahn, noch Stadtbahn oder Busse. Der Burger King hatte geschlossen, lediglich ein einziger Le Crobac hatte noch geöffnet. Ein Schock! Außerdem waren die Hauptausgänge ohne (in meinen Augen) jeglichen Sinn geschlossen. Einfach kein schöner Anblick. Aber Michel, dachte ich mir, du hast vor im Internet geschaut. Ab Schlossplatz fahren ja so tolle Nachtbusse. Voller Erwartung bin ich nun also dort hingelaufen, nur um zu merken, dass ich mich damals verlesen habe und die Nachtbusse nur in der Nacht von Freitag zu Samstag und von Samstag zu Sonntag fahren. Die Schlussfolgerung davon ist also, dass die Stadt in der Woche nachts tot ist. Und so musste ich mir am Ende ein Taxi für 20 € nehmen und lauthals darüber fluchen.
Eigentlich muss ich mich dann gar nicht wundern, dass alle Geschäfte, auch am Hauptbahnhof, so früh schließen. Wenn einfach kein Nahverkehr nachts verkehrt (welch witziger Wortwitz), kommt auch keine Kundschaft. Wahrscheinlich ist der Raum Stuttgart von der vielen Wirtschafterei nachts so müde, dass abends ausgehen einfach nicht im Etat eingeplant wurde. Kultur adé. In der Woche ins Theater und abends noch essen gehen – ohne Geld oder Auto einfach nicht möglich.
Das ist aber nicht der einzige Nachteil des Nahverkehrsnetzes, gestellt von der VVS und der S-Bahn Stuttgart. So bietet man einen Tarfijungel an, der seines gleichen sucht. Sage und schreibe 48 Tarifzonen sind im Großraum Stuttgart anzutreffen. Der Großraum Berlin hat 3. Das nenne ich Vereinfachung auf ganzer Linie. Nicht zu schweigen von den Fahrkarten. Bezahlst du in Berlin (BVG) für eine Tageskarte ABC (je Buchstabe eine Tarifzone) 6,50 €, so bezahlst du in Stuttgart für alle Tarifzonen 12 €. Jetzt kann ich mir noch die Nord-Süd und die Ost-West-Ausdehnung ansehen, um die beiden Tarife zu vergleichen. Da mir das zu viel Aufwand ist, nehme ich einfach die maximale diagonale Ausdehnung der Regionalzugbahnhöfe (nicht des Busnetzes, gemessen nach Augenmaß).
So ist der Abstand im Großraum Berlin zwischen Strausberg und Ferch-Lienewitz laut Google 79,5 km (Fußweg) nur etwas über 10 km kleiner als im Großraum Stuttgart zwischen Bondorf und Fornsbach mit 92,9 km (Fußweg). Definitiv rechtfertigt die Ausdehnung keinesfalls den Preis. Außerdem besitzt Stuttgart weniger Linien, hat nicht wie Berlin eine Staßen- sowie U-Bahn und bietet in der Woche nachts keine Busse an. Laut Wikipedia ist das S-Bahn-Netz in Stuttgart 177 km lang und in Berlin 331 km. Also was in aller Welt rechtfertigt bitte diese fetten Preise für dieses miese Angebot?!
Das Nahverkehrsnetz in Stuttgart ist ein Grund, später hier nicht zu wohnen. Selbst mit dem S-Bahn-Chaos in Berlin ist die Stadt immer noch besser Aufgestellt als Stuttgart. Allein schon wegen der BVG. Der Gewinner für mich ist daher klar die BVG.
Schlecht recherchiert… Es gibt Straßen- sowie U-Bahnen und stündlich Nachtbusse die in jede Himmelsrichtung fahren in Stuttgart. Das ist zwar keine Rechtfertigung für hohe Preise, dennoch eine schlechte Begründung des Bloggers.
Also der Artikel bzw. die Recherche ist über ein Jahr alt. Zu dem Zeitpunkt durfte ich mich selber darüber ärgern, wie wenig Nachtbusse in Stuttgart fahren. Außerdem sind seither auch die S-Bahn-Zeiten verlängert worden – so ein Artikel ist daher heute nicht mehr zwingend Up2Date.
Hallo Blogger,
ich finde deinen Beitrag sehr angemessen und lobenswert! Ich bin Stuttgarterin und leider auf die öV’is angewiesen.. In deinem Beitrag könnte man noch den Zusatz ergänzen, dass man bspw. immer parat haben muss, ab welcher Station man sich eine Weiterfahrtskarte kaufen muss. Ich bin Zeitkarteninhaberin und habe größte Mühe mir immer zu merken, bis zu welchem Bahnhof mein Ticket (gesamtes Netz) gültig ist. Es ist nämlich gar nicht so einfach für die Weiterfahrt- denn man kann ja an der Grenze nicht aussteigen und ein Ticket lösen (da die meisten Züge auch nicht an den Grenzbahnhöfen halten). Daher muss man das Ticket bei der letztmöglichen Station lösen (die meisten zwei/ drei Station vorher ist) und dafür zahlt man meist mehr. Diese Tatsache ist einfach nur ärgerlich und absolut verbesserungswürdig!!!
Danke Reisende für deinen Kommentar. Du hast natürlich Recht – das ist ein Punkt, den ich gar nicht beachtet habe. Wobei dich das in anderen Städten auch treffen kann. Da ich hier Berlin verglichen habe ein Beispiel: Normalerweise macht eine AB – Fahrkarte in Berlin Sinn – auch für Schüler am Stadtrand. Diese wohnen an der Grenze zum C – Bereich und fahren etwas in die Stadt um zur Schule im B – Bereich zu gelangen. Dummerweise fährt der Bus einen kleinen Schwenker rüber in den C – Bereich – für 2 Stationen, und was ist passiert? Die Kontrolleure haben die Schüler abgefangen …
Das Nahverkehrsnetz müsste an so vielen Ecken verbessert werden – überall. Leider besteht in meinen Augen in Stuttgart gerade preispolitisch sehr viel Verbesserungsbedarf.
Grüße – Tafelzwerk
Guten Tag,
bin durch Zufall auf diesen Beitrag gestoßen. Als Berliner finde ich es erstaunlich, dass man das S-Bahn-Chaos ja fast “loben” kann, weil ja durch die BVG trotzdem der Nahverkehr läuft. Das Stuttgart am Wochenende eigentlich gar keine Züge aufstellt ist nicht verständlich.
Solltest du das nächste mal in Berlin sein – von Montag bis Donnerstag betreibt die S-Bahn nur bis ca. 2Uhr Nachts Züge – und das nur im 20 Min-Takt.
Beste Grüße